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Emil Nikolaus zum 80. Geburtstag

(Aus der Festschrift zum 80. Geburtstag. Verfasser nicht bekannt.)

Liederabend eines namhaften Konzertsängers.
Nach einer Gruppe von Liedern, die auf stürmischen Beifall hin zum Teil wiederholt werden mußten, weist der Sänger in die erste Reihe des Publikums hinunter. Der Beifall schwillt an, und es erhebt sich ein älterer Herr, hohe, stattliche Erscheinung, mit vollem, weißem Haar, das Gesicht könnte das eines Dipolmaten sein. Mit gewinnendem Lächeln und einer charmanten Geste, die ungemein charakterisch für ihn ist, dankt er dem ihm zujubelnden Publikum. Das ist : Emil Nikolaus von Reznicek, der "Grandseigneur der deutschen Komponisten", wie ihn die Presse des öfteren genant hat.

Dem unbestechlichem Kalender nach soll Reznicek am 04.05.1940 seinen 80. Geburtstag begehen. Kaum glaubhaft, wenn man ihn sieht und seine frische, lebendige, so ganz persönliche Wesensart verspürt. Ist die Musik das zauberkräftige Elixier, das ihn so jung erhalten hat - ihn, der noch heute neben seinem Schaffen die mannigfachen Verpflichtungen als Vertreter Deutschlands im "Ständigen Rat für die internationale Zusammenarbeit der Komponisten" mit ihren Vorbereitungen der Musikfeste, den Reisen, Verhandlungen, Werkprüfungen etc. in unermüdlicher Arbeit erledigt? Und wiederum: was macht seine Musik bis auf den heutigen Tag so unprobelmatisch, so wenig einseitig, so lebensnah? Woher fließen die Quellen, die seine Schaffen immerwährend speisen?

Der Vater, der österreichische Feldmarschall Joseph von Reznicek, hat neben seinen deutschen auch slavische Ahnen aufzuweisen; die Mutter, aus dem rumänischen Fürstengeschlecht Ghika, bringt romanisches Blut in die Ehe, die dem Sohn am 04.05.1860 in Wien das Leben gibt. Die Welt, in der der junge Nikolaus heranwächst, ist die eines großen aristokratischen Hauses mit einer nicht nur aus Repräsentationsgründen, sondern aus innerer Einstellung und persönlichem Bedürfnis kultivierten Hausmusikpflege. In solcher Luft zeigt sich schon früh das ausgesprochene musikalische Talent des Kindes, erfährt es willige Förderung und gründliche Schulung an den Werken der großen deutschen Klassiker. Doch als der Sohn den Weg zum ausüben und schaffenden Musiker einschlagen will, gibt es Kämpfe. Die Familie, allen musischen Dingen zwar sehr zugetan, wehrt sich doch dagegen, daß einer der Ihrigen die Musik als Beruf ergreifen will. So folgt dem Gymnasium zunächst das juristische Studium an der Universität von Graz. Aber dann, nach Ablegung der Staatsprüfung, gelingt es dem unbeugsamen, musikbesessenen Willen des sohnes, das Musikstudium am Leipziger Konservatorium durchzusetzen. Es folgen Kapellmeisterjahre an verschiedenen Theatern, bis er schließlich als Militärkapellmeister nach prag geht. Dort kommt es zur Uraufführung seiner drei Jugendopern ("Die Jungfrau von Orleans", "Satanella" und "Emerich Fortunat"); dort ist dann 1894 auch plötzlich der erste große Erfolg da, der ihn sofort in die vorderste Reihe der zeitgenössischen deutschen Komponisten rückt und ihn international bekannt macht: die Oper "Donna Diana". Bis auf den heutigen Tag ist sie auf den deutschen Bühnen lebendig geblieben, und ihre Ouvertüre gehört zu den meistgespielten Werken der Konzert- und Rundfunkprogramme in allen Weltteilen.

Die Hoftheater Weimar und Mannheim, die Berliner Philharmonie, das Kaiserliche Theater in Warschau und die komische Oper Berlin sind die weiteren Stationen seiner Dirigentenlaufbahn, ständig unterbrochen von Pausen, die die Arbeit an seinen eigenen Werken von ihm verlangt. 1912 endlich streift er alle Fesseln einer berufsmäßigen Bindung ab und lebt, in Berlin ansässig, ausschließlich seinem kompositorischen Schaffen. Der Erfolg bleibt ihm treu, auf der Opernbühne und auf dem Konzertpodium. Denn: immer spricht aus dem Werk das Bekenntnis eines ursprünglichen Musikers und eines geistigen Menschen. Und bei all der erstaunlichen Wandlungsfähigkeit, die sich in allen Werken seines musikalischen Lebens überraschend offenbart, ist sein Schaffen jederzeit frei geblieben von Konzessionen an irgendwelche "Richtungen".

Ein Leben, vorbehaltslos der Musik ergeben und sie in allen ihren Erscheinungsformen ernst und heiter weiderspiegelnd, tut sich in diesem Werk vor uns auf, das 9 Opern, 4 Symphonien, 6 Symphonisch Dichtungen , an Chorwerken 1 abendfüllendes und viele kleinere Ballette, Kammermusik, Lieder u. a. umfaßt. Und wenn der Siebzigjährige noch mit seinem Einakter "Spiel oder Ernst?" die musikalische Welt durch jugendliche Elastizität und sprühenden Geist überraschen konnte, so ist wohl zu erwarten, daß auch der nunmehr Achtzigjährige die Feder noch nicht aus der Hand legen wird. Denn immer noch ist er, der schon seit langen Jahren der Preußischen Akademie der Künste als Mitglied angehört, unermüdlich für die Weltgeltung der deutschen Musik tätig. 1934 trat er als Beauftragter seines deutschen Vaterlandes in den "Ständigen Rat für die internationale Zusammenarbeit der Komponisten" ein und hat im Lauf von vier Jahren die Programme für vier große Musikfeste zusammengestellt. mehr als hundert Komponisten, zwanzig Dirigenten und ungezählte Solisten aus Deutschland wurden durch ihn international zu Gehör gebracht. "Man muß lernen, was zu lernen ist, un dann seinen Weg gehen", hat Händel einmal geschrieben. Reznicek hat das getan; Lehr- und Wanderjahre haben ihn auf seinem eigenen  Wege zu einer Persönlichkeit heranreifen lassen, die heute dem deutschen Musikleben als einer seiner Führer gilt. An seinem Ehrentag ihm für alles zu danken, war er an Werk und Arbeit gegeben hat, sei uns allen daher höchste Pflicht; ihm zu sagen, daß er noch lange in unverminderter Schaffensfreude der deutschen Musik und dem deutschen Volke erhalten bleiben möge, unser herzlichster Wunsch!

Zeitgenossen zum 80. Geburtstag

Ich wünsche Ihnen, daß Sie noch lange in gleicher Frische und Arbeitskraft die Früchte Ihres vielseitigen Schaffens und wertvollen Lebenswerk genießen möchten, eines Werkes, in dem sich reiche Phantasie und großes Können so schön die Waage halten! Ich bleibe in eifersüchtigem Nacheiferungsdrang Ihr

Richard Strauss

 

Es gibt unwahr scheinliche Wahrheiten. Zu ihnen gehört die Tatsache, daß Reznicek in der nächsten Zeit schon 80 Jahre alt wird. Wie der Meister selbst nicht altert, so werden es auch seine Werke nicht tun, deren frische darauf beruht, daß in ihnen kein Einfall gesucht ist, keine Verarbeitung des Einfalls gekünstelt, sondern daß alles natürlich ist, alles gewachsen - genitum, non factum!

Peter Raabe

 

Wenn ein Komponist wie Du bis in ein gesegnetes Alter immer wieder Neues auf allen Gebieten schaffen konnte, von der Donna-Diana-Ouvertüre bis zum ergreifenden achtstimmigen Vaterunser, Neues nicht in dem Sinne der Anzahl der Werke, sondern der inneren Erneuerung, dann hat er den Beweis seiner gottgegebenen schöpferischen Begabung erbracht. Nicht Dir wollen wir zu Deinem 80. Geburtstag gratulieren, sondern umgekehrt: das deutsche Wolk soll sich gratulieren, daß es Dich besitzt, und mehr noch, es soll mehr als bisher Besitz nehmen von deinen Werken, die der deutschen kunst zu Ehre gereichen.

Georg Schumann

(C) 2006 Christian Stürzl