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Vorwort

Anfang August 1945 hielt, an der Grenze von Westberlin in die Ostzone Deutschlands, nicht weit vom Waldfreidhof Stahnsdorf, ein Leichenauto. Ein solches Fahrzeug war ein ungewohnter Anblick, denn schon ein Auto gehörte damals zu den Raritäten des Daseins. Berlin befand sich im ersten Stadium der Nachkriegszeit. Treibstoff, um ein Auto zu fahren, war nicht zu erhalten. Ein amerikanischer Besatzungsoffizier hatte 20 Liter gestiftet.

Drei Frauen und vier Männer saßen im Wagen. Ein sowjetischer Major trat an das Fahrzeug heran und sprach zu den Frauen. Es sei besser, wenn sie nicht bis auf den Friedhof mitführen. Er habe neue Truppen zugeteilt bekommen und könne seiner Leute nicht Herr werden. Auch die Leichenträger sollten Vorsicht walten lassen, Schuhe, Strümpfe und Anzug ausziehen. DIe neuen Soldaten wären an Zivilkleidung zu interessiert.

So trugen vier Männer in Unterhosen und barfuß einen Sarg über jene unsichtbare Linie, die seit dem 8. Mai 1945 mitten in Deutschland geht, ein Deutschland, das noch gar nicht existiert hatte, als jener Mann geboren wurde, den man hier zu Grabe trug.

So wurde E. N. von Reznicek beerdigt.

Er war 6 Jahre alt gewesen, als die Schlacht bei Königgrätz geschlagen wurde, 10 Jahre, als man in Versailles das Deutsche Reich ausrief. Er hatte 50 Jahre in Deutschland gelebt, hatte es groß und stark und später übermütig werden sehen. Emil Nikolaus von Reznicek war zu einer Zeit geboren und erzogen worden, als es für selbstverständlich galt, ein Patriot zu sein. Mit Begeisterung sah er Deutschlands Größe, mit Sorge seine spätere Entwicklung. Zuletzt erfüllte ihn Entsetzen und Abscheu über das, was geschah. Zu Beginn des Jahres 1945 war er sterbenskrank, ahnte trotzdem den grauenvollen Zusammenbruch und wünschte sehnlichst, ihn nicht erleben zu müssen. Er hat ihn erlebt, doch nur kurz überlebt.

Er starb, als es in Berlin keinen Sarg gab. Vier Tage lag er im obersten Stockwerk eines Mietshauses in Charlottenburg, in einer Waschküche, auf einer primitiven Holzpritsche. Endlich schloß sich ein Sarg, der erste Sarg, der in Berlin wieder verkauft wurde, über den Toten.

Als er geborgen wurde, gab es weder Auto noch Flugzeug. Die Eisenbahn war die letzte Errungenschaft der modernen Technik. Nicht einmal der Gasglühstrumpf war erfunden, Petroleumlampen und Kerzen erhellten das Elternhaus. Am Tage, an dem man E. N. von Reznicek beerdigte, fiel die erste Atombombe.

Er hatte immer seine eigenen und sehr ausgesprochenen Ansichten über Politik, Wirtschaft, Technik und Kunst. Zu einer Zeit, als die Menschen sich über jede Dissonanz erregten, komponierte er gewagter als andere. Konservative Konzertvereinigungen und Kritiker nahmen ihm das übel. Später wurde die Atonalität modern. Da wandte sich Reznicek wieder der Melodie zu.

Er war ein Mensch, der immer gegen den Strom schwamm, so unbequem das auch sein mochte. Eine solche Einstellung ist das untrüglichste Zeichen für einen unabhängigen Geist.

Die geistige Unabhängikeit hat sich E. N. von Reznicek bis an sein Lebensende bewahrt. Ein tragisches Ende, das er sich vielleicht hätte ersparen können, wenn er weniger Charakter gehabt hätte und zu Konzessionen bereit gewesen wäre. Aber eines war er bestimmt nicht: ein Opportunist.

Felicitas von Reznicek

Aus "Gegen den Strom - Leben und Werk von E. N. von Reznicek".
Amalthea-Verlag (Zürich - Leipzig - Wien) 

(C) 2006 Christian Stürzl