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Anekdoten

Brücke zum Künstler

Wer kennt sie nicht, die Komponisten, Dirigenten, Sänger, Sängerinnen, Pianisten und Geiger, deren Köpfe hier auftauchen? Man ist ihnen schon oft begegnet, im Konzertsaal und im Theater, ihr Ruhm hat sich über Grenzen und Länder hinweg verbreitet, ihre Namen sind feststehende Begriffe in der musikalischen Welt geworden. Aber was weiß man wohl sonst von ihnen, von ihrem Werden, vom Auf und Ab ihres Weges, von jenen Begebenheiten, die entscheidenden Einfluss auf ihre Entwicklung nahmen? Hier nun nehmen sie selbst das Wort, berichten freimütig aus ihrem Leben, erzählen von ihrer Kindheit und ihren Künstlerfahrten, von Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten, von Dingen, die sehr persönlicher Art sind, und so schlingen sich unmerklich die Fäden von ihnen zu dem großen Kreis ihrer Bewunderer, knüpfen die Beziehungen fester und erhöhen das Interesse.

Aus dem Vorwort zu „Künstler plaudern“ von H.E. Weinschenk
Wilhelm Limpert Verlag, Berlin


Der Komponist auf den Schienen

„ […] Aber einmal ist es mir beinahe schlimm ergangen – das war 1927 in Leipzig, wo meine Oper „Satuala“ aufgeführt wurde. Meine Frau wollte noch nach der Vorstellung nach Berlin zurückfahren, zumal die Verbindung günstig war. Es war eine kalte Winternacht, der Wind fegte und Schneeflocken ins Gesicht, während wir fröstelnd auf dem Bahnsteig standen. Meine Frau hatte nur einen Gedanken: um jeden Preis einen Sitzplatz!
Endlich tauchten die Lichter des D-Zuges auf, schnaufend fuhr er in die Halle ein. Mit kühnem Schwung landete ich auf einen Trittbrett, rutschte aber ebenso schnell aus, kullerte den Bahnsteig hinunter und blieb zwischen zwei Wagen liegen. Im gleichen Augenblick hielt auch der Zug, so dass die Räder nur meinen Mantel zerfetzten. Große Aufregung auf dem Bahnsteig, man dachte schon an Furchtbares, meine gute Frau  war einer Ohnmacht nahe, da krabbelte ich aus der Versenkung hervor und meinte beruhigend: “Es ist nichts passiert!“ Kaum stand ich wieder auf dem Bahnsteig, da merkte ich, dass mein steifer Hut beim Sturz auf die Gleise hinuntergerollt war. Es war eine neuer Hut, den wollte ich retten, koste es, was es wolle. Zum entsetzen der umstehenden Leute stieg ich nochmals in die Tiefe und kam stolz mit der „Melone“ zurück. Ich bugsierte meine Frau, die keines Wortes mehr fähig war, ins Abteil, wo sie sich erschöpft auf der Bank niederließ. Auf einmal blickte ich suchen umher: mein Hut! Er war schon wieder verschwunden! Und dann offenbarte sich das Entsetzliche: meine Frau hatte sich mit der ganzen Wucht ihres Körpers auf meine schöne Melone niedergelassen, die ich auf die Bank gelegt hatte. Platt gedrückt, zerbeult und zerbrochen zog ich das unglückselige Ding hervor und betrachtete es wehmütig. Unter Einsatz meines Lebens hatte ich den Hut vor der Vernichtung gerettet – nun war er einem tückischen Geschick zum Opfer gefallen! Immer wenn ich an „Satuala“ denke, steht mir dieses Bild im Leipziger Hauptbahnhof vor Augen …“

(C) 2006 Christian Stürzl